Schwerpunkt zum Thema Verbraucherschutz, Teil 1 / 3

Wie viel Verbraucherschutz brauchen wir?

Das Bild des Verbrauchers ist über die letzten Jahrzehnte vielschichtiger geworden. Auch die verschiedenen Märkte haben sich weiterentwickelt. Das macht eine differenzierte Verbraucherpolitik notwendiger denn je. In mehreren Teilen beschäftigen wir uns mit den aktuellen Herausforderungen in der Verbraucherpolitik und der Frage, wie es gelingen kann, den Verbraucher zu einer informierten Entscheidung zu befähigen.

"Ein altbekanntes Dilemma"

Es ist ein altbekanntes Dilemma: Obwohl sich viele Menschen vornehmen, weniger zu rauchen, weniger Alkohol zu trinken oder auf allzu fettiges Essen zu verzichten, können sie der Zigarettenpause bei der Arbeit oder einem Burger und einem kühlen Bier zum Feierabend nicht widerstehen.

Für Verhaltensökonomen ist dies wenig überraschend. Ihre Modelle legen nahe, dass der Verbraucher oft impulsgesteuert, spontan und irrational handelt. Der Ökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein haben unter dieser Prämisse ihr Konzept des Nudgings entwickelt. Demnach soll die Politik Gesetze und Verordnungen so entwerfen, dass sie dem Bürger einen Stups („nudge“) in die richtige Richtung geben, ohne ihm das Gefühl zu vermitteln, er sei seiner Wahlfreiheit beraubt. Auch auf Seiten der Bundesregierung findet der Ansatz immer mehr Fürsprecher. Aus Sicht des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas ist Nudging „ein kluger Mittelweg zwischen Überregulierung und Laissez-faire“.

Es bleibt abzuwarten, ob sich Nudging in Deutschland tatsächlich durchsetzen wird. Die Debatte über das richtige Maß an Verbraucherschutz bekommt dadurch jedoch eine weitere Facette. Es besteht weitgehender Konsens darüber, dass der Staat nicht untätig sein darf und die Bürger vor gesundheitlichen oder finanziellen Risiken schützen muss. Aber wie genau soll dieser Schutz aussehen?

Quelle: Handelsbrief 03/2015 Bild vergrößern

Mündig oder schutzbedürftig?

Aufgeklärt, informiert, schutzbedürftig, mündig oder auf Augenhöhe – all diese Attribute werden diskutiert, um sich der grundsätzlichen Frage nach dem Wesen des Verbrauchers zu nähern und ein Verbraucherleitbild zu finden. Doch ist diese Debatte hilfreich und angesichts eines immer differenzierteren Verhaltens der Verbraucher noch zeitgemäß? Das wollten wir von Klaus Müller, demVorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands e. V. (vzbv) und Christoph Minhoff, dem Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL) sowie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e. V. (BVE), wissen.

Christoph Minhoff hält die Debatte darüber, welches Verbraucherleitbild das maßgebliche ist, für grundsätzlich richtig: „Denn trotz aller Unterschiede im Wesen des Verbrauchers brauchen wir Leitbilder. Für die Rechtsprechung sind sie genauso wichtig wie für die Politik, die Leitbilder als Orientierungshilfe für die Ausgestaltung des Verbraucherschutzes benötigt. Ich plädiere für den souveränen Verbraucher, der urteilsfähig und selbstbestimmt handelt. Der sich bewusst für oder gegen ein Produkt entscheiden kann, auch wenn diese Entscheidungen nicht immer jedem gefallen. Er benötigt Informationen und Bildung, jedoch keine staatliche Regulierung.” Einen ausführlichen Kommentar zum Thema Verbraucherleitbild von Christoph Minhoff finden Sie hier.

Für Klaus Müller ist klar: „Den einen Verbraucher gibt es nicht. Darum muss Verbraucherpolitik differenziert auf die heterogenen Bedürfnisse reagieren. Verbraucher sind unterschiedlich: zum Beispiel in ihrem Zugang zur digitalen Welt. Digital Bewanderte können mit etwas Aufwand ihre persönlichen Daten im Netz schützen. Anderen gelingt das nicht. Sie tragen das Risiko finanzieller Nachteile, wenn sie aufgrund von Datenspuren schlechtere Versicherungskonditionen erhalten. Oder höhere Preise zahlen, weil Anbieter mit Big Data ihr Kaufverhalten vorhersagen. ‚One-size-fits-all‘ passt beim Thema Verbraucherleitbild nicht mehr. Was Verbraucher eint: Fairness, Transparenz und Wahrhaftigkeit wünschen sich alle beim Kauf.”

Mehr zu den Herausforderungen für die Verbraucherpolitik angesichts gesellschaftlicher Veränderungen wie Globalisierung und Digitalisierung finden Sie im zweiten Teil des Artikels.